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Beglaubigte Übersetzung: Deine Zeit ist um

Ein am 24. April 2013 von der Kommissarin Viviane Reding veröffentlichter und im  Europäischen Parlament vorgelegter Legislativvorschlag wird die Notwendigkeit einer beglaubigten Übersetzung von Geburtsurkunden, Heiratsurkunden, Strafregistern, akademischen Zeugnissen, Handelsregister- und Grundbuchurkunden, usw. durch ein Gesetz beseitigen. Die Initiative folgt ihrem legislativen Kurs, nachdem sie am 4. Februar 2014 genehmigt wurde. Der Vorschlag wird derzeit im Rat diskutiert.  Ziel ist es, den bürokratischen Aufwand, dem wir als Bürger und Unternehmen derzeit ausgesetzt sind,, bei der Niederlassung in einem anderen Mitgliedstaat zu verringern.

Beglaubigte Übersetzung: Deine Zeit ist um

Eureka! Im Sommer 2013 hatte ich eine Geschäftsidee, bei der ich mir dachte „Ich bin ein Genie!“:  Beglaubigte Übersetzungen, die über eine Online-Plattform mit einfachen Dokumenten wie Geburtsurkunden, Heiratsurkunden usw. verwaltet werden. Doch nach dem ersten Moment der Euphorie dachte ich nach: „Ich wäre nicht überrascht, wenn einer der 7 Milliarden Menschen auf der Erde genau dieselbe Idee gehabt hätte. Wäre nicht das erste Mal“. Also habe ich als erstes in Google nachgeschaut.

Und wie auch nicht, war die Dienstleistung schon erfunden worden und in vollem Laufe. Darüber hinaus, stellte sich heraus, dass es sich um ein Unternehmen aus Murcia handelt (ich stamme aus Ágilas, Murcia), das sogar einen Wirtschaftspreis gewonnen mit allem was dazu gehört. júramelo.es heißt das Portal für die automatisierte Verwaltung von beglaubigten Übersetzungen. Um ehrlich zu sein hatte dieses Unternehmen eine sehr gute SEO-Strategie und dadurch auch einen gewissen Vorteil, aber es gab weiterhin nur ein Portal, das sich auf beglaubigte Übersetzungen spezialisierte, also machten wir uns an die Arbeit: Es gab einen Markt!

Beglaubigte Übersetzung: Deine Zeit ist um

Die Geschäftsidee war ausgereift, als ich eine Berufskollegin traf, die viel beglaubigte Übersetzungen anfertigt, informierte sie mich über den Vorschlag von Frau Viviane Reding. Ich informierte mich und fand einen Eintrag vom Juli 2013 in einem Blog von Fernando Gascón Nasarre, Rechtsanwalt und vereidigter Dolmetscher aus Saragossa:  Neuer Verordnungsentwurf zur Abschaffung der beglaubigten Übersetzungen für öffentliche Urkunden, steht da klar und deutlich. Deine Zeit ist um.  Na ja, der Traum war schön.

Es wird ab sofort nicht mehr notwendig sein, einige der öffentlichen Urkunden zu übersetzen.

Beglaubigte Übersetzung: Deine Zeit ist um

Im April 2013 wurde ein Legislativvorschlag vorgelegt, dessen Ziel es ist, die Formalitäten zu reduzieren, die europäische Unternehmen und Bürger erfüllen müssen, wenn sie sich in einem anderen Land innerhalb der EU niederlassen wollen. Einer der Vorschläge ist, die Notwendigkeit einer beglaubigten Übersetzung öffentlicher Urkunden zu beseitigen:

Er sieht vor, dass die Behörden nicht beglaubigte Übersetzungen von Urkunden, die von Behörden anderer Mitgliedstaaten ausgestellt wurden, akzeptieren müssen. Haben die Behörden des Mitgliedstaats, in dem die öffentliche Urkunde vorgelegt werden, begründete Zweifel an der Richtigkeit oder Qualität der Übersetzung, so können sie in Einzelfällen eine beglaubigte Übersetzung dieser Urkunde verlangen.

Außerdem soll damit auch die Notwendigkeit der Haager Apostille, die derzeit für die innergemeinschaftliche Anerkennung öffentlicher Urkunden erforderlich ist, beseitigt werden. Der Vorschlag für diese Verordnung wurde von den Abgeordneten des Europäischen Parlaments weitgehend akzeptiert, die den Text mit 573 Stimmen dafür, 62 Stimmen dagegen und 44 Enthaltungen billigten.

Beglaubigte Übersetzung: Deine Zeit ist um

Es ist wichtig zu verstehen, was mit einer öffentlichen Urkunde im Rahmen des Vorschlags gemeint ist, so dass man weiß, welche Dokumente keine beglaubigte Übersetzung erfordern. Dies führt zu Kosteneinsparungen bei beglaubigten Übersetzungen der Bürger und Unternehmen, und zu einer drastischen Einkommensreduzierung für die meisten von uns vereidigten Übersetzer. Die Definition einer öffentlichen Urkunde ist in Artikel 3, Absatz 1 des Vorschlags zu finden.

Beglaubigte Übersetzung: Deine Zeit ist um

Dieser Artikel 3 wurde während des parlamentarischen Verfahrens geändert, um das Spektrum der von dem Vorschlag betroffenen Dokumente zu erweitern. Der Vorschlag mit den entsprechenden Änderungen wurde am 4. Februar 2014 vom Europäischen Parlament genehmigt. Der modifizierte Artikel 3, Absatz 1, besagt:

„1) Für die Zwecke dieser Verordnung bedeutet der Ausdruck „öffentliche Urkunden“ von Behörden eines Mitgliedstaats ausgestellte Urkunden, die formelle Beweiskraft besitzen in Bezug auf

       a) Identität einer natürlichen Person;

       b) Unterschrift einer natürlichen Person;

       c) Personenstand und Verwandtschaftsbeziehungen einer natürlichen Person;

       g) Wohnsitz

       ga) Bürgerrechte und Wahlrecht;

       gb) Einwanderungsstatus;

       gc) Qualifikationen sowie Schul- und Weiterbildungszeugnisse;

       gd) Gesundheit einschließlich amtlich anerkannter Behinderung;

       ge) die Erlaubnis, Land‑, Luft- und Wasserfahrzeuge zu führen oder zu bedienen;

       h) Unionsbürgerschaft und Staatsangehörigkeit;

       i) Grundeigentum;

       j) Rechtsform und Vertretung einer Gesellschaft oder eines sonstigen Unternehmens;

       a) Rechtsform und Vertretung sonstiger juristischer Personen;

       jb) Steuerverpflichtungen und ‑status einer natürlichen oder juristischen Person;

       jc) Steuer- und Zollstatus eines Vermögens;

       d) sozialversicherungsrechtliche Ansprüche jedweder Art;

       k) Rechte des geistigen Eigentums;

       l) Vorstrafenfreiheit; bzw. Einträge in Vorstrafenregistern.

Wichtig ist auch der Absatz 2 dieses Artikels:

(2) „Behörde“ eine Behörde eines Mitgliedstaats oder eine mittels eines Rechts- oder Verwaltungsakts mit der Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben betraute Stelle einschließlich Gerichte oder Notare, die öffentliche Urkunden gemäß Nummer 1 ausstellen, oder eine Unionsbehörde;

Es sei darauf hingewiesen, dass dieser Text nicht endgültig ist und, dass er während seiner Verabschiedung im Rat geändert oder sogar abgelehnt werden könnte. Alles deutet jedoch darauf hin, dass die europäischen Bürger früher oder später keine beglaubigte Übersetzung öffentlicher Urkunden wie Geburtsurkunden, Heiratsurkunden, Strafregister, Invaliditätsurkunden, Gründungsurkunden, Sterbeurkunden, einfache Notizen, Vollmachten, Pässe, nationale Ausweispapiere, Verkehrserlaubnisse, usw. benötigen werden.

Wann wird dieses Gesetz in Kraft treten?

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Große Ding brauchen eben ihre Zeit. Derzeit liegt der Vorschlag im Rat, wo er einer Lektüre ausgesetzt wird, die im Laufe des Jahres 2015 abgeschlossen sein sollte, und gemäß dem Gesetzgebungsverfahren der Europäischen Union könnte der Vorschlag im Europäischen Parlament einer zweiten Lektüre mit den Änderungen des Rates ausgesetzt werden. Ich bin kein Experte für Gemeinschaftsrecht, meiner Meinung nach könnte diese Verordnung jedoch bis Ende 2015, Anfang 2016, angenommen und im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht werden. Wenn Sie sich dafür interessieren, können Sie hier die Entwicklung dieser Gesetzesinitiative verfolgen (auf Englisch oder Französisch).

Beglaubigte Übersetzung: Deine Zeit ist um

Da es sich um eine Verordnung, d. h. einen verbindlichen Rechtsakt handelt, muss sie direkt in der gesamten EU angewendet werden. Für wann wir die praktischen Auswirkungen in Deutschland abwarten können, ist schwer zu sagen, aber im Prinzip würde ich auf 2016 tippen.

Wird die beglaubigte Übersetzung verschwinden?

Beglaubigte Übersetzung: Deine Zeit ist um

Natürlich nicht:

Erstens betrifft die Verordnung nur die in Artikel 3 genannten öffentlichen Urkunden; Nach meiner Auslegung müssen Dokumente wie Rechtshilfeersuchen oder Gerichtsurteile noch von einem vereidigten Übersetzer übersetzt werden, sollten die Behörden eines Mitgliedstaats dies verlangen.

Zweitens betrifft die Verordnung nur Urkunden, die in der Europäischen Union ausgestellt wurden, so dass Dokumente aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Marokko, Algerien, kurz gesagt, aus jedem Land außerhalb der Europäischen Union weiterhin die Apostille und eine beglaubigte Übersetzung benötigen , um akzeptiert zu werden.

Drittens sieht die Verordnung in ihrer jetzeitigen Form vor, dass die Behörden eine beglaubigte Übersetzung verlangen können, wenn Zweifel an der Richtigkeit der Übersetzung des Dokuments bestehen. Diese Übersetzung muss von der öffentlichen Einrichtung bezahlt werden, sollte die vom Bürger vorgelegte Übersetzung mit der beglaubigten Übersetzung übereinstimmen. Sollte dies nicht der Fall sein, muss der Bürger für die Kosten aufkommen.

Beglaubigte Übersetzungen und Übersetzer bleiben also notwendig. Beglaubigte Übersetzer von Sprachen wie Arabisch, Chinesisch oder Russisch sind von diesen Vorschriften nicht betroffen. Nur diejenigen, die Dokumente im Rahmen der EU übersetzen, dessen Einnahmequelle dadurch reduziert wird.

Es wird vorgeschlagen mehrsprachige öffentliche Urkunden zu erstellen

Beglaubigte Übersetzung: Deine Zeit ist um

In dem Vorschlag werden auch einheitliche mehrsprachige Formulare der Europäischen Union für Geburt, Tod, Heirat, eingetragene Partnerschaft sowie die Rechtspersönlichkeit und Vertretung einer Gesellschaft oder Firma festgelegt. Darüber hinaus können zu einem späteren Zeitpunkt ähnliche mehrsprachige Standardformulare für öffentliche Urkunden in Bezug auf Name, Adoption, Abstammung, Wohnsitz, Staatsbürgerschaft und Nationalität, Immobilien, Rechte an geistigem Eigentum und fehlendes Strafregister erstellt werden, um die verbleibenden Übersetzungsanforderungen für EU-Bürger und Unternehmen weiter zu minimieren. Die mehrsprachigen EU-Standardformulare sind nicht zwingend vorgeschrieben, hätten aber bei Verwendung den gleichen formalen Beweiswert wie ähnliche öffentliche Urkunden, die von den Behörden der Mitgliedstaaten ausgestellt wurden.

Wer ist dagegen?

Ich denke im Grunde genommen, alle die, die durch diesen Entwurf viel Geld verlieren, und umso mehr, desto mehr man von diesen beglaubigten Übersetzungen abhängt. Einige Kommentare, von vereidigten Übersetzern, mit besseren oder schlechteren Argumenten, finden Sie in den Beiträgen zu diesem Thema von Fernando Gascón im Blog vom Juli 2013 und Februar 2014. Fernando selbst argumentiert, dass eine Rechtsunsicherheit entstehen wird, und es ist ehrlich gesagt leicht vorstellbar, dass dies in Situationen der Fall sein könnte.

Die EULITA (European Legal Interpreters and Translators Association) argumentiert genauso wie Fernando und weist darauf hin, dass, wenn es keine Aufzeichnungen darüber gibt, wer die Übersetzung angefertigt hat, die Übersetzung von juristischen Dokumenten mit Google Translator gefördert werden. Die Argumente von EULITA können Sie hier nachlesen (nur auf Englisch und Französisch).

Auch der Berufsverband der Gerichts- und vereidigten Übersetzer und Dolmetscher ist gegen diesen Vorschlag, obwohl ich keine begründete Stellungnahme zu diesem Thema finden konnte.

Beglaubigte Übersetzung: Deine Zeit ist um

Meiner Meinung nach ist der Rechtssinn für die meisten Unternehmen und Bürger positiv und erleichtert das Zusammenleben im europäischen Raum. Wie Fernando Gascón betont, wird es Fälle geben, in denen die Übersetzungen von Personen angefertigt werden, die nicht wirklich über eine akzeptable Übersetzungskompetenz verfügen. Je nach Komplexität der Dokumente hat dies dann eine mehr oder weniger große Auswirkung.

 

 

Fazit

Alles deutet darauf hin, dass ab 2016 viele öffentliche Urkunden nicht mehr mit einer beglaubigten Übersetzung versehen sein müssen. Der Gesetzesvorschlag, der während seinem Aufenthalt im Europäischen Parlament einen breiten Konsens findet, zielt darauf ab, Formalitäten zu erleichtern und die Kosten für europäische Unternehmen und Bürger zu senken, die sich in einem anderen Mitgliedstaat niederlassen wollen. Ich glaube, dass das Gesetz im Großen und Ganzen gut für die Bürger und Unternehmen der europäischen Union ist. Allen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann, viele vereidigte Übersetzer werden durch dieses Gesetz geschädigt.

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José Gambín

Er studierte Biowissenschaften an der Universität in Valencia und Übersetzen und Dolmetschen an der Universität in Granada. Heutzutage arbeitet er als Projektmanager, Layouter, Freiberufler und interner Übersetzer. Seit 2002 ist er Gründungspartner von AL Übersetzung wo er als Vertriebs- und Marketingdirektor tätig ist.

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