ISO 17100 im Zeitalter hybrider Workflows: Relevanz, Grenzen und laufende Aktualisierung

In regulierten Branchen betreffen Übersetzungen die Konformität, die Anwendungssicherheit und mitunter die Haftung des Unternehmens. Genau zur Absicherung dieser Wertschöpfungskette wurde die Norm ISO 17100 geschaffen und 2015 veröffentlicht. Seitdem hat sie sich als internationale Referenz etabliert. Im Jahr 2026 kann man nach mehr als zehn Jahren Bestehen durchaus die Frage stellen: Ist ISO 17100 noch immer relevant, während KI und maschinelle Übersetzung die Produktionsmethoden grundlegend verändern?
Die Antwort ist klar, aber differenziert: ISO 17100 bleibt ein verlässlicher Indikator für Dienstleistungsqualität, insbesondere bei wichtigen Inhalten. Die Norm steht jedoch unter Druck, da sie die neuen, inzwischen üblichen Praktiken wie Automatisierung, maschinelle Übersetzung, Post-Editing oder KI-Assistenten nicht ausreichend abdeckt. Das ist übrigens einer der Gründe, warum auf ISO-Ebene gerade eine offizielle Aktualisierung im Gange ist.
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Inhaltsverzeichnis
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- ISO 17100: Worin besteht diese Norm, und warum ist sie ein Qualitätsindikator?
- Warum bleibt die ISO 17100 auch heutzutage noch relevant?
- In welchem Punkt ist die Norm ISO 17100 im Jahr 2026 nicht auf dem neuesten Stand?
- Relevanz von ISO 17100: Pro und Kontra
- Aktualisierung der Norm ISO 17100: Was ist der aktuelle Stand?
- AbroadLink Translations: operative Umsetzung
- Fazit: die ISO 17100 ist unter Druck, bleibt aber relevant
ISO 17100: Worin besteht diese Norm, und warum ist sie ein Qualitätsindikator?
Die Norm ISO 17100:2015 ist in erster Linie eine Prozessnorm. Sie definiert die Anforderungen an Ressourcen, Kompetenzen, Organisation und die einzelnen Schritte, die erforderlich sind, um eine Übersetzungsdienstleistung gemäß den geltenden Spezifikationen zu erbringen. Sie dient auch als Grundlage, um die Fähigkeit eines Anbieters nachzuweisen, dauerhaft kontrollierte Dienstleistungen zu erbringen.
Konkret regelt die Norm drei Aspekte, die für Organisationen mit Qualitätsanforderungen besonders wichtig sind:
- Akteure und Kompetenzen: Übersetzer, Korrekturleser, Projektmanagement, Rückverfolgbarkeit und Qualifikationen.
- Ein strukturiertes Produktionsschema: insbesondere das Korrekturlesen durch eine zweite Person (Vier-Augen-Prinzip), die das Risiko von Sinnesverschiebungen, Auslassungen oder terminologischen Inkonsistenzen reduziert.
- Projektmanagement: Erfassung der Anforderungen, Ressourcenmanagement, Kommunikation, Qualitätsmanagement, Dokumentation.
Warum bleibt die ISO 17100 auch heutzutage noch relevant?
Kurz gesagt bietet die ISO 17100 einen rückverfolgbaren, prüfbaren und reproduzierbaren Rahmen, um Qualität sicherzustellen. Auch im Zeitalter der KI sind diese drei Vorteile der ISO 17100 nach wie vor sehr aktuell.
Ein wichtiger Punkt ist die Rückverfolgbarkeit: In der Qualitätssicherung ist es entscheidend zu wissen, wer was gemacht hat, welche Vorgaben dabei galten und wie Korrekturen implementiert wurden. Bei einem Audit, einer Untersuchung oder einer Konformitätsprüfung ist eine solche Menge an Nachweisen wertvoll.
Natürlich neben der Risikoreduzierung durch einen zweiten Korretkurschirtt. Unabhängig von den eingesetzten Tools bleibt das Korrekturlesen eine wirksame Absicherung, typischerweise bei Übersetzungen von Medizinprodukten oder für den Pharmasektor.
Alles in Einem behält Norm ihren Status als Qualitätssignal: Sie ermöglicht es, Anbieter mit strukturierten Arbeitsmethoden und ausgeprägtem Qualitätsmanagement von denen mit eher simplen Arbeitsabläufen zu unterscheiden. Diese Qualitätsnorm ist ein ernsthafter Ausgangspunkt für jedes Unternehmen, das eine Übersetzungsagentur sucht, die sensible Inhalte handhaben kann.
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In welchem Punkt ist die Norm ISO 17100 im Jahr 2026 nicht auf dem neuesten Stand?
Es ist wichtig zu betonen, dass die ISO 17100 nicht veraltet ist und weiterhin sowohl ihre Bedeutung als auch ihre Anerkennung in der Branche genießt. Ihre Grenze besteht heute darin, dass sie nach wie vor auf die traditionellen Workflows ausgerichtet ist, die nach und nach durch neue Workflows ersetzt werden.
1) Ein historischer Ausschluss maschineller Übersetzung und des Post-Editings
Eine erste Grenze der ISO 17100:2015 besteht darin, dass das reine Post-Editing von maschinell übersetzten Rohtexten außerhalb ihres Geltungsbereichs liegt.
In vielen Branchen basiert heute jedoch ein Teil der Abläufe auf hybriden Prozessketten: Translation Memorys, maschinelle Übersetzung, menschliches Post-Editing, automatische Qualitätskontrollen und anschließend gezielte menschliche Überprüfung bzw. Korrekturlesen.
In diesem Rahmen wurde die Norm ISO 18587:2017 geschaffen, die dem vollständigen menschlichen Post-Editing eines maschinell übersetzten Textes gewidmet ist und die Prozessanforderungen sowie die erwarteten Kompetenzen der Post-Editoren definiert. Den Geltungsbereich von ISO 17100 umfasst sie jedoch nicht.
2) Der Schwerpunkt liegt auf dem Prozess, weniger auf dem Ergebnis
Die ISO 17100 regelt stark das „Wie" (Vorgehensweise, Verantwortlichkeiten, Dokumentation), lässt die Frage der objektiven Messung der Endqualität jedoch weitgehend offen. Das ist auch ein häufiger Kritikpunkt: Die Konformität mit dem Prozess reicht nicht immer aus, um die sprachliche Leistung sichtbar zu machen.
Deshalb bilden sich parallel dazu Bewertungsrahmen wie die Norm ISO 5060:2024 heraus, die einen Rahmen für die Bewertung der Qualität einer Übersetzung vorschlägt (auch von Post-Editing).
3) Bedingte Anpassung an moderne Produktionsprozesse
Kontinuierliche Lokalisierung, häufige Updates, nahtlose technische Integrationen und maximale Automatisierung... Viele Unternehmen haben sich von sequenziellen Abläufen verabschiedet und setzen stattdessen auf fließende Prozesse. Die ISO 17100 kann sich daran anpassen, obwohl die Norm ursprünglich nicht dazu konzipiert wurde, diese Art von Produktionsstrukturen zu beschreiben.
Relevanz von ISO 17100: Pro und Kontra
Pro: Sie bleibt eine solide Grundlage, um risikobehaftete Inhalte abzusichern (Governance, Kompetenzen, Rückverfolgbarkeit, Korrekturlesen), und liefert eine gemeinsame Basis für Einkauf, Qualität und operative Teams.
Kontra (zumindest teilweise): Sie spiegelt moderne Praktiken wie maschinelle Übersetzung, Post-Editing und KI-Assistenten heute nicht mehr ausdrücklich wider. Daher reicht die Norm allein nicht aus, um die Reife eines Anbieters in einem technologiegetriebenen Produktionsumfeld abzubilden, das stark von Automatisierung, Systemintegrationen und Kennzahlensteuerung geprägt ist.
Obwohl die ISO 17100 in der Branche weiterhin eine starke Autorität innehat, wird klar, dass sie aktualisiert werden muss, um vollständig mit einer sich radikal verändernden Branche Schritt zu halten. Die gute Nachricht ist, dass die Internationale Organisation für Normung (ISO) bereits an einer neuen Version arbeitet.
Aktualisierung der Norm ISO 17100: Was ist der aktuelle Stand?
Die Überarbeitung ist offiziell: ISO führt das Projekt unter dem Namen ISO/AWI 17100 (Edition 2) ein - aktueller Status „Under development“. Es gibt auch Hinweise darauf, dass schon ein Entwurf von einer Arbeitsgruppe ausgearbeitet wurde („A working group has prepared a draft").
Aktuelle Entwicklungen im Detail
Laut der Internetseite der ISO befindet sich das Projekt in Phase 20.00 – „Preparatory“ („New project registered in TC/SC work programme"), mit einer Registrierung vom 22. Juli 2025. Das Projekt steht also noch am Anfang, und der Weg bis zur Veröffentlichung einer aktualisierten Version ist noch lang.
Worauf zielt die Überarbeitung ab?
Branchenanalysen zur Überarbeitung erwähnen insbesondere eine stärkere Berücksichtigung maschineller Übersetzung und KI in den Serviceprozessen, eine stärkere Verzahnung mit der ISO 18587 (Post-Editing) sowie eine Aktualisierung der erwarteten Kompetenzen und Verantwortlichkeiten.
Die Branche verfolgt diese Entwicklungen sehr genau. Um informiert zu bleiben, empfehlen wir Ihnen, sich für das Webinar der EUATC (European Union Association of Translation Companies) am 20. April 2026 anzumelden.
Welcher Zeitrahmen ist realistisch für eine neue Version?
Das ISO-Datenblatt nennt in diesem Stadium kein Veröffentlichungsdatum. Angesichts der noch ausstehenden Schritte (CD → DIS → FDIS → Veröffentlichung) ist es vernünftig, mit einer Veröffentlichung mittelfristig zu rechnen, sobald die Konsultations- und Abstimmungsphasen abgeschlossen sind. Es handelt sich um einen langen und wichtigen Prozess, der viele Ressourcen erfordert. Die aktuellen Schätzungen könnten auf eine endgültige Veröffentlichung im Laufe des Jahres 2028 hindeuten.
AbroadLink Translations: operative Umsetzung
Bei AbroadLink Translations bieten wir seit vielen Jahren unter anderem nach ISO 17100-zertifizierte Übersetzungsdienstleistungen an. Parallel dazu haben wir dank innovativer Technologien unsere Workflows optimiert, um sie effizienter für uns und unsere Kunden zu machen. Dennoch plädieren wir für einen kontrollierten Fortschritt. Die Herausforderungen der Zukunft liegen aus unserer Sicht in einer hybriden Produktionsweise, die Technologie und Automatisierung mit auf Risiko angepasste Qualitätskontrollen sowie einer regulatorisch konformen Rückverfolgbarkeit verbindet. Aus diesem Grund unterstützen wir die Aktualisierung: Sie ist notwendig, um professionelle Übersetzungsdienstleistungen besser zu beschreiben und so zu regeln, wie sie heute tatsächlich erbracht werden.
Fazit: die ISO 17100 ist unter Druck, bleibt aber relevant
Die Norm ISO 17100 bleibt im Jahr 2026 eine Referenz und ein verlässlicher Indikator für Qualitätsbewertung eines jeden Sprachdienstleisters.
Aber die Norm steht unter Druck: Der Aufstieg hybrider Workflows, des Post-Editings und von KI-Tools macht eine Aktualisierung erforderlich, damit sie vollständig auf die Realität der Branche abgestimmt bleibt.
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Mit einer Ausbildung in Marketing und internationalem Handel hat Alex schon immer eine Vorliebe für Sprachen und ein Interesse an verschiedenen Kulturen gezeigt. Ursprünglich aus der Bretagne in Frankreich stammend, lebte er in Irland und Mexiko, bevor er eine Zeit lang nach Frankreich zurückkehrte und sich schließlich dauerhaft in Spanien niederließ. Er arbeitet als Chief Growth Officer bei AbroadLink Translations.


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